zurück VAZ-Homepage vorwärts      

© Vereinigung alternativer Zeitungen und Zeitschriften (VAZ)

powered by mediaweb.at
designed by Robert Zöchling

gedankensplitter zu alternativmedien und alternativen öffentlichkeiten

von einem vom TATblatt

alternativmedien

Unter alternativmedien verstehen wir, entgegen dem, was in den verschiedensten kommunikationswissenschaftlichen abhandlungen zu lesen ist, nicht primär irgendwelche ergänzungen, korrektive oder schlichtweg alternativen zu anderen medien, sondern waffen oder instrumente in "alternativen" - hier verstanden als antipatriarchalen, antikapitalistischen, antirassistischen und daraus abgeleiteten - politischen und sozialen kämpfen, die, wie auch demonstrationen, streiks, verweigerungen, persönliche gespräche, kalaschnikows oder sonst was, aufgrund taktischer überlegungen, oder aber auch schlicht intuitiv, konzeptlos oder weil gerade nichts besseres einfällt, eingesetzt werden. Wie diese alternativmedien aussehen, auf welche art und weise sie ihre ziele verfolgen, ob sie die in klassischen definitionen immer und immer wieder aufgestellten bedingungen alternativer kommunikation - wie die aufhebung der trennung von kommunikatorInnen und rezipientInnen, die verbindung von kommunikation und aktion, die authentizität von berichterstattung durch das ungefilterte zu-wort-kommen-lassen betroffener (zb Weichler 1987, 15ff) - erfüllen, ob sie auf die herstellung einer in den meisten definitionen nicht näher erklärten dubiosen öffentlichkeit abzielen (zb bei Drobil 1993, 22), ob sie sogenannte "alternative inhalte" durch ebensogenannte "alternative mittel" zu transportieren versuchen oder sich mit dem argument, sonst nicht verstanden und aufgenommen zu werden, "etablierter mittel" bedienen (wie es bisweilen von Zöchling 1994, 24f vorgeworfen wird), sind in diesem zusammenhang wichtige taktische fragen, nicht aber entscheidend dafür, ob solche medien nun als alternativmedien zu betrachten sind oder nicht.

bürgerliche öffentlichkeit

Wenn alternativmedien die intention unterstellt wird, sowas wie "öffentlichkeit herzustellen", so ist damit zumeist der versuch gemeint, bürgerliche öffentlichkeiten zu beeinflussen - wobei auf die akademische diskussion, ob es eine solche eigentlich noch gibt, hier nicht weiter eingegangen werden soll. Dem liegt, wie die autonome a.f.r.i.k.a-gruppe wiederholt nachdrücklich aufgezeigt hat (zuletzt 1997, 187ff), - grob vereinfacht - die vorstellung zugrunde, dass lediglich "falsche" informationen durch "richtige" ersetzt werden müssten, um meinungsänderungen in der gesellschaft hervorrufen zu können. Dass dem aber nicht so ist, belegen sie mit dem hinweis, dass in den letzten jahren und jahrzehnten nicht zuletzt durch immer mehr alternativmedien gesellschaftskritische informationen immer leichter zugänglich wurden, dennoch aber mit steigender tendenz folgenlos blieben.

Ebenso illusorisch ist die vorstellung, dass bürgerliche medien themen und inhalte alternativer medien aufnehmen, einem weiteren rezipientInnenkreis zugänglich machen und schliesslich auf diesem umweg die bürgerliche öffentlichkeit eines besseren bekehrt werden könnte. Einerseits passiert dies ausgesprochen selten (Dorer 1992, 39), andererseits werden die inhalte, wenn es doch passiert, gefiltert, bearbeitet und mit den funktionen bürgerlicher nachrichtenproduktion kompatibel gemacht. Die wesentlichste dieser funktionen ist nunmal, neben der verwertung der einzelnen medienkapitale, jene, zur gewährleistung der allgemeinen bedingungen der produktion mit dafür sorge zu tragen, dass sich die menschen den ihnen im kapitalismus zugewiesenen rollen entsprechend verhalten (zu den funktionen der nachrichtenproduktion im kapitalismus auf den verschiedenen ebenen des kapitalverhältnisses siehe Hund 1976, 193ff oder zusammenfassend und v.a. noch lieferbar: Robes 1990, 102ff). Bürgerliche medien, die sich dieser funktion entziehen würden, könnten über kurz oder lang keine werbeeinahmen mehr lukrieren. Sie sind daher zwar vielleicht in ganz besonders günstigen interessenskonstellationen ausnahmsweise für partielle alternative anliegen instrumentalisierbar, taugen sonst aber keinesfalls als verlängertes sprachrohr für linke und/oder alternative gruppen. Was dabei rauskommt, wenn in form professionalisierter öffentlichkeitsarbeit einer derartigen illusion aufgesessen wird, kann seit ein paar jahren eindrucksvoll an der zusammenarbeit von kronenzeitung, global 2000 und bisweilen auch fpö beobachtet werden.

alternative öffentlichkeit

Nichts liegt näher, als dass nicht bürgerliche, sondern alternative öffentlichkeiten als bezugspunkt alternativer medien gesehen werden, jene öffentlichkeiten also, in denen die alternativen interessen, unzufriedenheiten, anliegen, bedürfnisse etc. zum widerstand gegen ausbeutung und unterdrückung und zum kampf für eine bessere welt organisiert werden können. Hier können erfahrungen ausgetauscht und somit zu gemeinsamen erfahrungen gemacht, diskussionen geführt und aktionsformen entwickelt werden. Es können die oft von verschiedenen gruppen ohne gemeinsamen bezug geführten teilbereichsaktivitäten in einen gemeinsamen zusammenhang gestellt werden, indem ein bewusstsein über grundlegende zusammenhänge gefördert wird, über die vernetztheit der unterdrückungsverhältnisse, von patriarchat, kapitalismus, rassismen und über die daraus resultierende notwendigkeit der entwicklung mehrdimensionalen widerstands. Schliesslich kann es doch nicht der alternativen weisheit letzter schluss sein, zur durchsetzung eines konkreten anliegens konsequent alle anderen hintanzustellen, wie es immer mehr in mode kommt. Zur abschreckung sei da nur an die diversen bündnisse ökologisch aktiver gruppen mit heimattümelnden naturschützerInnen und an sexistische angriffe auf frauen/lesben auf antifademos erinnert.

das TATblatt

Das TATblatt ist vor mittlerweile fast zehn jahren mit dem anspruch angetreten, das alles endlich richtig zu machen. Wider erwarten ist uns das aber auch nicht ganz gelungen.

Wir wollen relevante informationen verbreiten, zeigen, dass widerstand gegen unterdrückung, ausbeutung und diskriminierung jeder form notwendig und möglich ist, sowie raum bieten, um taktiken zu diskutieren, ideen vorzuschlagen, zweifel äussern zu können (in der TATblatt-diktion sind das die drei säulen information, motivation, diskussion; zusammengefasst bspw. in TATblatt 1995, 11) usw usf.

Doch nicht zu allen themen, die uns wichtig sind, schaffen wir in der erforderlichen kontinuität zu berichten, weil dazu kraft und zeit fehlen, weil die arbeit nicht bezahlt werden kann, und es immer schwieriger wird, neue mitarbeiterInnen zu bekommen. Und auch nicht zu übersehen ist, dass gerade sexismus und patriarchat seltener thema im TATblatt sind als etwa rassismen. Dies liegt sicherlich zu einem grossen teil am männerüberhang in der redaktion. Rechtfertigung kann dies aber keine sein. Genausowenig wie es eine rechtfertigung sein kann, dass nicht nur beim TATblatt sondern bei den meisten alternativmedien - mit ausnahme der feministischen - mehrheitlich männer, und fast ausschliesslich solche mit weisser haut und deutscher muttersprache arbeiten.

Als nicht wirklich auflösbar erwies sich bislang auch der widerspruch, einerseits für beiträge von aussen offen sein, andererseits nur verständliche, diskriminierungsfreie, von stereotypen und szeneinternen beflegelungen freie texte im TATblatt drucken zu wollen. Veröffentlichen wir sie unverändert, reproduzieren wir unterdrückungsverhältnisse oder fördern es, auseinandersetzungen auf einer ebene gegenseitigen niedermachens zu führen, die zur verebbung jeder konstruktiven auseinandersetzungen führen muss. Selektieren und überarbeiten wir sie jedoch - und das tun wir ausser bei deklarierten leserInnenbriefen immer - verlieren sie ihre authentizität, immer mehr leute verlieren die motivation fürs TATblatt zu schreiben und die diskussionen werden erst recht nicht im TATblatt geführt. Zu guter letzt wurde das TATblatt im zuge der Einem-spendenaffäre dermassen stigmatisiert, dass sich viele alternativgruppen davor scheuen, mit uns überhaupt nur in kontakt zu treten, während jene, welche das TATblatt gerade des schlechten rufes wegen lesen, enttäuscht feststellen, dass wir doch nicht so sind, wie es in den bürgerlichen medien dargestellt worden ist. Das zusammenführen der verschiedenen zugänge alternativer politik können wir somit vorerst auch mal vergessen.

Das TATblatt ist heute eine redaktionell gemachte zeitung, mit penibel recherchierten, mitunter richtiggehend aufdecklerischen artikeln. Bisweilen ruft sogar der standard bei uns an, um in unseren fussstapfen zu recherchieren - freilich ohne quellenangabe und aus einem eigenen blickwinkel. Eine bewegungszeitung aber ist etwas anderes.

handlungsbedarf

So wenig wir bislang in der lage waren, derartigen entwicklungen effektiv was entgegenzusetzen, so sehr scheint es uns, dass es den meisten anderen alternativmedien ähnlich, wenn nicht gar schlechter ergeht. Die meisten alternativmedien sind - im schlechtesten sinne des wortes - zu institutionen geworden, in denen altgediente revolutionärInnen der intellektuellen selbstbefriedigung frönen. Mangels fantasie und beweglichkeit werden tonnen von papier bedruckt, ohne dass sich daraus noch irgendetwas entwickelt - keine diskussion, die nicht auch am kleinsten beisltisch hätte ausgetragen werden können, von mobilisierung zu aktionen ganz zu schweigen, und an gesellschaftliche veränderungen denkt ohnehin keineR mehr. Da braucht es uns dann gar nicht wundern, dass viele alternativmedien, sobald die staatliche unterstützung ausbleibt, in existentielle krisen verfallen.

Wenn alternativmedien nicht mehr zu aufbau, organisation und entwicklung von widerstand und kämpfen dienen, sondern ohne jeden effekt nur kraft und energie verbrauchen, die vielleicht anders besser eingesetzt werden könnten, dann machen wir in beispielloser selbstausbeutung tüchtig die arbeit für unsere gegnerInnen. Das kann zwar vielleicht ein argument gegen die streichung der publizistikförderung sein, mehr aber schon nicht.

Auch wenn es schon etwas abgedroschen klingen mag und sich ungleich leichter fordern als umsetzen lässt: alternative öffentlichkeitsarbeit muss kreativer werden. Wir müssen neue formen entwickeln, die über das produzieren tausender seiten selbstdarstellung, seien sie aus papier oder auch im webspace, und naiven versuchen professioneller pr hinausgehen - auch auf die gefahr hin, dass es dafür keine staatliche förderung, sondern das genaue gegenteil davon geben wird.

zitierte literatur:

autonome a.f.r.i.k.a-gruppe, Luther Blisset, Sonja Brünzels (1997): Handbuch der Kommunikationsguerilla. Jetzt helfe ich mir selbst. Verlag Libertäre Assoziation Hamburg, Schwarze Risse/Rote Strasse Berlin.
Dorer, Johanna (1992): Neue soziale Bewegungen und ihre Medien. in: Johanna Dorer, Matthias Marschik, Robert Glattau (Hg.): Medienverzeichnis 1992/93. Gegenöffentlichkeit und Medieninitiativen in Österreich. Turia & Kant, Wien, s. 36-47.
Drobil, Konstantin (1993): Die Alternativpresse in Österreich. Eine Untersuchung der ökonomischen Strukturen und der staatlichen Rahmenbedingungen anhand einer repräsentativen Erhebung 1992. Diplomarbeit, Wien.
Hund, Wulf D. (1976): Ware Nachricht und Informationsfetisch. Zur Theorie der gesellschaftlichen Kommunikation. Luchterhand, Darmstadt.
Negt, Oskar / Kluge, Alexander (1972): Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisation von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.
Robes, Jochen (1990): Die vergessene Theorie: Historischer Materialismus und gesellschaftliche Kommunikation, Zur Rekonstruktion des theoretischen Gehalts und der historischen Entwicklung eines kommunikationswissenschaftlichen Ansatzes. Silberburg Verlag, Stuttgart.
TATblatt (1995): Wozu TATblatt? in: TATblatt Nr. +35, Wien, s. 10-11.
Zöchling, Robert (1994): Postmodernes Roulette. Warum es sich nicht empfiehlt, auf "Null" zu setzen. in: Weg und Ziel Nr. 4/94, Wien, s. 23-27.