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Alternative Zeitschriften, Öffentlichkeit und Politik

Als erstes Charakteristikum alternativer Zeitschriften kann angeführt werden: Daß ihre Aufgabe und ihre Bedeutung erst dann so richtig auffällt, wenn es sie nicht mehr gibt. Erst dann wird der Verlust von Ausdrucks- und Verständigungsmöglichkeiten schmerzlich bemerkt und festgestellt, daß die Freiheit des Denkens wertlos ist, wenn es sich nicht in Gesellschaft begeben kann.

• Wenn sich Akademiker und Akademikerinnen ein Stück weit über ihr Tagesgeschäft hinaus begeben wollen; und ihren Überschuß an Denken, der in ihrem Beruf beinahe zwangsläufig anfällt und der beinahe zwangsläufig kritisch ist und daher dort nicht verwertbar, publizieren und zur Diskussion stellen wollen - das ist, was man zu vielleicht besseren, jedenfalls anderen Zeiten als die Aufgabe der Intellektuellen bezeichnet hat; und wenn sie dann feststellen, daß es dafür kein gedrucktes Medium mehr gibt; dann verlegen sie sich vielleicht auf andere Medien, publizieren ins Datennetz oder gestalten sogar freie Radiosendungen. Das ist gut und wichtig und man soll sie dazu ermutigen. Das ersetzt aber noch nicht die Diskussionszusammenhänge, die alternative Zeitschriften schon einmal geschaffen hatten und weiterhin schaffen.

• Wenn Künstlerinnen und Künstler feststellen, daß sie in der massenmedialen sogenannten Kunstkritik nur noch gut davonkommen, wenn ihre Arbeit irgendwie dem zuträglich ist, was man als kulturelle Standortpolitik bezeichnen könnte; und daß sie mit Diffamierung und Verhöhnung zu rechnen haben, wenn sie für die Standort-Nation als zu kritisch, schwierig oder schlicht überflüssig betrachtet werden; daß sie jedenfalls mit ernsthaftem Interesse und ernstzunehmender Kritik kaum noch zu rechnen haben; dann ist das für sie ein Grund mehr, den Beruf zu wechseln oder schlimmstenfalls zu versuchen, sich irgendwie für den Markt fit zu machen. Alternative Zeitschriften bemühen sich heute in vielen Bereichen als einzige um die Darstellung und Kritik aktuellen Theater- und Filmschaffens, aktueller Literatur und bildlicher Kunst.

• Wenn schließlich Personen und Gruppen, die mit dieser Gesellschaft uneins sind, sie und ihre Institutionen an ihren Grundlagen und in ihrem Bestand kritisieren, gar ablehnen, keine Möglichkeit mehr finden, diese Kritik und Ablehnung zu veröffentlichen und somit unweigerlich und immerhin zur Diskussion zu stellen; dann wird das in Österreich seit Jahren geläufige Gerede von der angeblichen "Gewaltbereitschaft" der Zeitschriften, die dies ermöglichen, von den endgültig aus aller Öffentlichkeit Ausgeschlossenen vielleicht irgendwann tatsächlich kurzerhand mit Substanz, also mit Gewalt gefüllt werden.

• Selbst den Kritisierten, den Funktionierenden der Politik, den akademischen Verwaltern des Wissens, den Hütern der hohen Kunst, könnte auffallen, daß Kritik, sei sie auch fundamental, sei sie auch lästig gewesen, immer noch besser war als der Abbruch der Beziehungen. Eine ausführliche, kritische Würdigung zeigt immerhin, daß man den kritisierten Gegenstand noch nicht ganz aufgegeben hat und macht auch Differenzen, beispielsweise politischer Programme, erkennbar. Solches geschieht in der läppischen Kolportage von Anekdoten, wie sie von bunten Wochenmagazinen und den meisten, vor allem den größten, Tageszeitungen betrieben wird, schon längst nicht mehr. Wenn man das Ende der Politik sucht, wird man es dort am einfachsten finden.

Alternative Medien erfüllen heute in weiten Bereichen als einzige die Aufgaben, deren Erfüllung traditionellerweise den Medien zugedacht ist. Während die Totalvermarktung mediale Öffentlichkeiten frißt, was an der Oberfläche als "Zeitgeist", "Beliebigkeit" u.ä. wahrgenommen wird, bleiben als tatsächliche Hersteller von Öffentlichkeit weitenteils und in zunehmendem Maße nur solche Medien, die schon bisher dem Markt mit absichtlicher Ignoranz gegenüber standen.

Zugleich ist seit einigen Jahren eine zunehmende Verunglimpfung und tendenzielle Kriminalisierung alternativer Medien durch rechtskonservative und rechtsextreme Politiker festzustellen: Der sogenannte "Kulturkampf" wird nicht nur mittels des willkürlichen Entzugs staatlicher Förderungen und mittels spektakulärer Diffamierung gegen einige alternative Zeitschriften geführt, sondern auch in anderen Zusammenhängen z.B. gegen Kulturinitiativen. Alternative Medien ebenso wie Kulturinitiativen erfüllen Aufgaben, deren Nichterfüllung erst dann schmerzlich bemerkt werden wird, wenn die Wege zur Rückgewinnung von Öffentlichkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten bereits verbaut sein werden.

Worauf, außer auf sich selbst und auf einander, können sich alternative Medien und ihre Öffentlichkeiten noch beziehen? Sind diese Staaten, ist diese Gesellschaft noch in der Lage und willens, Menschen und Ideen, die nicht ohnehin vollständig in den Markt, in Arbeit und Konsum, in tägliche und wöchentliche Meinungsjustierung und gelegentliche Abstimmung integriert sind - sei es weil sie nicht können oder weil sie nicht wollen, auf irgend eine Weise doch noch an der sozialen und kulturellen Integration teilhaben zu lassen oder wird diese Integration dort, wo sie wirklich eine Leistung wäre, der überwachenden und strafenden Verwaltung überlassen?

Je deutlicher die Abwesenheit und Ignoranz der Politik ausfällt, umso uninteressanter wird nicht nur die Publikation auf Reformierbarkeit gesellschaftlicher Institutionen gerichteter Artikel, sondern auch das Verfassen von konstruktiven Stellungnahmen und Entwürfen in eigener Sache — man hat ja schließlich und hauptsächlich noch etwas anderes zu tun. Dabei handelt es sich aber nicht bloß um eine Angelegenheit zwischen einigen HerausgeberInnen und einigen PolitikerInnen, sondern um die Frage der Integrationsfähigkeit und Entwicklungsfähigkeit von Politik überhaupt, will sie nicht weiterhin widerstandslos und mithin zurecht ihre blauen Wunder erleben.

Ist da an positiver Auseinandersetzung und auch Ermöglichung nichts mehr zu erwarten, wird die Zukunft so fürchterlich sein, wie sie in Österreich schon begonnen hat.

Es geht ein letztes Mal um Entschlossenheit in der Grundfrage: Die tatsächliche Möglichkeit zur freien Gedankenäußerung sowie Informationsgewinnung und -verbreitung konnten sich in Österreich nie auch nur zu "westeuropäischem Niveau" entwickeln und wurden in den vergangenen Jahren nochmals dermaßen ruiniert, daß hier von "Öffentlichkeit" kaum noch die Rede sein kann. Die besondere Gemeingefährlichkeit der derzeitigen Regierung verleiht diesem bereits zuvor geschaffenen Zustand einen gewissen zusätzlichen Ernst. Daher ist jegliche erdenkliche Maßnahme, ob auf nationaler oder internationaler, staatlicher oder - wie man neuerdings wieder sagt - "zivilgesellschaftlicher" Ebene zur Rückgewinnung von Gedankenäußerungs- und Informationsmöglichkeiten als dringende Notmaßnahme anzusehen. Werden wirksame Maßnahmen zur Erhaltung einstellungsbedrohter Medien, zur Gründung fehlender Medien und zur Entwicklung alternativer Medien zu jener gesellschaftlichen Relevanz, die ihnen in anderen Länden immerhin noch zukommt, nicht rasch und wirksam ergriffen, dann mag man weiterhin über "Zivilgesellschaft" reden und die "Bürgergesellschaft" bekommen, die sich dieses Land längst und redlich verdient hat. Den Schaden werden weiterhin wir alle tragen.

Darüber hinaus ist darauf hinzuweisen, daß die Tendenz zur Vernichtung von Öffentlichkeiten in ganz Europa besteht und der Grund dafür, daß es in besser entwickelten Demokratien noch nennenswerte Öffentlichkeiten gibt, allein darin zu suchen ist, daß sie sich zu ihrer Zeit entwickeln, entfalten, mit erheblichem Eigensinn ausstatten und auch ökonomische Strukturen aufbauen konnten, die nicht so rasch zu ruinieren sind, wie in Österreich. Das bedeutet aber lediglich, daß die destruktive Dynamik von Wirtschaft und Politik in Österreich rascher wirkt und in vielen Aspekten ankündigt, was auch in anderen europäischen Ländern in den nächsten Jahren zu erwarten ist. Das wurde anläßlich der Regierungsbeteiligung der FPÖ von den anderen europäischen Regierungen zunächst auch begriffen. Mit bloß negativen "Sanktionen" auf diplomatischer Ebene wird solchen Tendenzen nicht gegenzusteuern sein. Man wird sich schon überlegen müssen, was positiv zu entwickeln und zu fördern ist, um es den als "rechtsextrem" nur unvollkommen begriffenen Gefahren eines Politikertyps "Haider" entgegenzuhalten.